Klimakrise. Coronakrise. Migrationskrise. Wirtschaftskrise. Es fühlt sich momentan so an, als würden wir uns von einer Krise zur nächsten retten, als würden Krisen zur Normalität. Doch ist es Zufall, dass sich die Krisen häufen? Oder könnte es sein, dass sie nur Symptome einer sich verschlimmernden Krankheit sind? Ist es möglich, dass diese Krisen gemeinsame Ursachen haben, welche wir angehen müssten? Was verbindet beispielsweise die Corona- und die Klimakrise?

Mit diesem Text versuchen wir Antworten auf diese Fragen zu finden. Selbstverständlich gibt es zwischen den Krisen Unterschiede, sowohl in ihrer Entstehung, als auch in ihren Auswirkungen. Aber es gibt eben auch Überschneidungen – diese möchten wir im Folgenden beleuchten. Damit wollen wir die Diskussion voranbringen, welche wir alle gemeinsam führen müssen. Wir freuen uns auf eure Antworten und Sichtweisen.

Die COVID-19-Pandemie hat die Krisenanfälligkeit unseres Gesellschaftssystems offengelegt. Diese Erkenntnis ist besonders wichtig, weil sich bereits bestehende Ungleichheiten in einer Krise noch verschärfen. Dies führt zu absurden Zuständen. Als in den USA bereits über 90‘000 Menschen an Corona gestorben waren, und die Angestellten in den Amazon-Logistikzentren trotz Pandemie weiter gearbeitet hatten, verdiente der Amazon-Inhaber Jeff Bezos 34 Milliarden US-Dollar1https://americansfortaxfairness.org/wp-content/uploads/2020-5-21-Billionaires-Press-Release-at-Two-month-Covid-Pandemic-FINAL.pdf  [18.06.2020].

Grosskonzern-Logistikzentren sind jedoch nicht die einzigen Betriebe, die trotz Lockdown weiter funktionieren mussten. Auch in Spitälern, Kliniken und Kitas mussten unsere “Helden” weiterarbeiten. So wurden sie in den Schlagzeilen betitelt, obwohl in der Pflege beispielsweise 85% der Angestellten Frauen* sind. Nicht nur im Gesundheitswesen, sondern auch im Detailhandel wird der Grossteil der Arbeit von Frauen* verrichtet. Sie waren es, die uns durch die Krise getragen haben.

Die Relevanz dieser Arbeit  wurde vielen Menschen erst in der Coronakrise bewusst  – trotzdem erhielten Pfleger*innen und Detailhändler*innen nicht mehr als Applaus und einen digitalen Hashtag. Unsere Gesellschaft ist zusätzlich zur Pflege- und Sorgearbeit in diesen Bereichen aber auch auf die überwiegend von Frauen* geleistete Reproduktionsarbeit angewiesen. So erledigen Frauen* in der Schweiz pro Jahr ausschliesslich für die Betreuung von Kindern eine Milliarde Stunden an unbezahlter Pflege- und Sorgearbeit2https://feministische-fakultaet.org/3zahlen/. Insgesamt entspricht die von Frauen* geleistete Reproduktionsarbeit jährlich einem monetären Wert von 248 Milliarden Franken. Frauen* sind jedoch nicht die einzigen, die (auch in dieser Krise) strukturell benachteiligt werden.

Durch die Coronakrise ist auch der Rassismus auf verschiedene Weisen stärker zum Vorschein gekommen. Die Zahlen zeigen unmissverständlich, dass am Coronavirus überdurchschnittlich viele BIPoCs (Black, Indigenous, People of Color) sterben. Durch den strukturellen Rassismus befinden sich BIPoCs öfter in prekären Arbeits- und Lebensverhältnissen, und können sich so die hohen Gesundheitskosten nicht leisten. In medizinischer Behandlung werden BIPoCs zudem aufgrund der rassistischen Vorurteile von Ärzt*innen und Pflegepersonal nachweislich weniger ernst genommen3https://lowninstitute.org/how-bias-is-impacting-coronavirus-care/.

Es war kein Zufall, dass die Proteste gegen rassistische Polizeigewalt nach der Ermordung George Floyds durch weisse Polizisten in Minneapolis derart heftig und explosiv ausfielen. Die Proteste der Black Lives Matter Bewegung sind gerade auch deshalb geschichtsträchtig, weil sie in ihrer Grösse, Radikalität und Zerstörungsbereitsschaft nur im Zusammenhang der Unterdrückungsgeschichte der Schwarzen zu verstehen sind. Jene, die systematisch benachteiligt und unterdrückt werden, haben sich durch diese Aufstände Gehör verschafft. Gehör für jene Form von Rassismus, welcher schwarze Menschen täglich begegnen, und Weisse kaum erkennen, geschweige denn nachvollziehen können.   

Durch ihre Verankerung im System beeinflussen Rassismus und Fremdenfeindlichkeit auch in Ausnahmesituationen wie der Coronakrise politische Entscheide. So hat die Pandemie die Unmenschlichkeit der europäischen Asylpolitik schonungslos offengelegt. Die EU hat das Asylrecht kurzerhand ausgesetzt und zehntausende Flüchtlinge müssen auf der griechischen Insel Lesbos bis zu diesem Tag unter katastrophalen Bedingungen ausharren – zusätzlich bedroht durch COVID-194https://www.srf.ch/news/schweiz/evakuierung-von-gefluechteten-corona-bedroht-griechische-fluechtlingslager . Unter diesen Vorzeichen ist es an Zynismus kaum zu überbieten, dass die Schweiz gerade einmal 23 Menschen aus dem Flüchtlingscamp Moria aufgenommen hat5 https://www.sem.admin.ch/sem/de/home/aktuell/news/2020/2020-05-16.html .

Die Coronakrise zeigte weltweit in ungesehener Deutlichkeit, dass wir nicht alle im selben Boot sitzen. Im Gegenteil. Während die stürmischen Wellen von einigen wenigen Luxusyachten mühelos durchschifft werden, zerbersten die fragilen Schlauchboote schonungslos. In Extremsituationen wie dieser treten die Ungleichheiten noch stärker zu Tage. Dasselbe gilt für die Klimakrise.

Dass Coronakrise und Klimakrise nicht getrennt betrachtete werden könne, zeigt sich eindrücklich an folgendem Beispiel: Indigene in Brasilien sterben fast doppelt so häufig an COVID-19 als die übrige Bevölkerung, während ihr Lebensraum noch schneller abgeholzt wird als sonst. Laut brasilianischer Staatsanwaltschaft droht ein Völkermord, sollte das Coronavirus mittels illegaler Regenwaldrodung die Reservate der Indigenen erreichen. Der Raub ihres Landes bringt die Indigenen in dasselbe Dilemma wie Millionen Arme weltweit: ”Isolation und Hunger leiden – oder arbeiten gehen und Gefahr laufen, sich selber anzustecken?”6https://www.woz.ch/-ab0e

Die Klimakrise – massgeblich verursacht durch die Industrieländer – trifft den Globalen Süden besonders hart. Einerseits sind diese Länder geografisch exponierter, andererseits können sie sich die Massnahmen, um sich an die verändernden klimatischen Bedingungen anzupassen, weniger leisten. Bereits heute müssen Menschen aufgrund der Hitzeperioden, Wüstenbildung, Überschwemmungen und des steigenden Meeresspiegels ihre Heimat verlassen. In Zukunft werden es Millionen sein, die ihrem Land der Klimakrise wegen den Rücken zukehren müssen – selbst bei einer ambitionierten Klimapolitik. Ob im Globalen Süden, an den Grenzen Europas, oder in der Schweiz: Flüchtende, Migrant*innen und Schwarze werden von der Gesellschaft diskriminiert. Durch die Klimakrise droht sich dieses Phänomen zusätzlich  zu verschärfen. 

Wie die Coronakrise, führt auch die Klimakrise neben der strukturell rassistischen Benachteiligung von Menschen zur Diskriminierung von Frauen*.7https://www.dw.com/de/klimawandel-gewalt-frauen-sexuelle-ausbeutung-iucn/a-52282259 Laut einer von der UNEP veröffentlichte Studie machen Frauen* 80% der Klimaflüchtenden und -vertriebenen aus.8https://www.fian.de/artikelansicht/2018-03-06-pressemitteilung-zum-internationalen-frauentag-klimawandel-ist-nicht-geschlechtsneutral-insbesondere-menschenrechte-von-frauen-sind-bedroht/ Gerade in Agrargesellschaften im globalen Süden übernehmen Frauen* neben der Versorgung der Familie auch einen Grossteil der Arbeit in der landwirtschaftlichen Produktion. Zudem sind Frauen* laut gesellschaftlichen Rollenbildern noch immer für die Familienangehörigen und deren Rettung zuständig.9https://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/opferzahlen-tsunami-toetete-bis-zu-viermal-mehr-frauen-als-maenner-a-362711.html Aus diesen und weiteren Gründen werden Frauen* von den zunehmenden Extremwetterereignissen stärker getroffen als Männer*. Auf besonders tragische Weise zeigte sich das beim Tsunami von 2004 im Indischen Ozean, als drei- bis viermal so viele Frauen* wie Männer* starben. Die Frauen* richteten ihre Arbeit auf dem Land aus und wurden – wenn überhaupt – viel zu spät über die drohende Gefahr informiert. Auch lernten viele Frauen* aufgrund ihrer sozialen Stellung nie richtig schwimmen. Darüber hinaus führt das patriarchale Gesellschaftssystem  dazu, dass Frauen* über weite Strecken von ihren Partnern abhängig sind, und sich so keine eigene Existenzgrundlage aufbauen können. 

Oft hängt die  Benachteiligung von Menschen aufgrund ihrer Hautfarbe oder ihres Geschlechts mit dem Erzielen von Profiten zusammen. Der Kapitalismus ist angewiesen auf Reproduktionsarbeit, welche grösstenteils unbezahlt und von Frauen* geleistet wird und schlecht bezahlte, doch zugleich “systemrelevante” Jobs die überdurchschnittlich häufig von Migrant*innen erledigt werden. Ungleichheit ist also nicht nur die Folge des Systems, sondern bildet gleichzeitig auch dessen Fundament. Deshalb müssen wir zwingend auch unsere kapitalistische Gesellschaft in Frage stellen, um diese Gefälle überwinden zu können. 

Unsere Wirtschaft ist auf Wachstum angewiesen. Dass dies zu Problemen führt, kann anhand der Klimakrise besonders deutlich aufgezeigt werden: Immerwährendes Wirtschaftswachstum bedeutet auch einen steigenden Ressourcenverbrauch. Nicht erst seit letztem Jahr, sondern bereits seit Jahrzehnten wird “Grünes Wachstum” als die Lösung der Klimakrise angepriesen – besonders eifrig von jenen, die von ebendiesem Wachstum profitieren und gleichzeitig die Schäden nicht zu tragen haben. Dabei konnte das Wirtschaftswachstum bis heute nicht von den CO2-Emissionen entkoppelt werden – und laut dem European Environmental Bureau (EEB) gibt es keine Anzeichen dafür, dass dies auch in naher Zukunft gelingen wird10 Decoupling debunked – Evidence and arguments against green growth as a sole strategy for sustainability, <https://eeb.org/library/decoupling-debunked/> [12.06.2020].. Die Länder mit dem höchsten BIP sind gleichzeitig diejenigen, die am meisten CO2-Emissionen verursachen11The relationships between carbon dioxide emissions and economic growth, <https://www.oxfordenergy.org/wpcms/wp-content/uploads/2011/02/Presentation19-The-RelationshipBetweenCarbonDioxideEmissionsandEconomicGrowth-MGrubbBMullerLButler-2004.pdf>  [12.06.2020]. Diese Umstände dürfen bei der Bekämpfung der Klimakrise auf keinen Fall ausser Acht gelassen werden, denn sie zeigen, dass unser Wirtschaftssystem direkt für die ökologische Krise verantwortlich ist.

Es stellt sich zudem die unausweichliche Frage: Wer profitiert von diesem Wachstumszwang wirklich? Während das Realeinkommen zwischen 1979 bis 2018 in den obersten Prozentbereichen der Lohnverteilung zwar stieg, stagnierte oder fiel es in den mittleren und tiefen Einkommensklassen. Gleichzeitig vergrösserte sich das Lohngefälle zwischen schwarzen und weissen Menschen12https://fas.org/sgp/crs/misc/R45090.pdf [14.06.2020]. Nur ein kleiner Teil kann demnach von den Mechanismen des Wirtschaftssystems ökonomisch profitieren, während der grosse Rest darunter leidet. Diese Differenz wird durch die Kapitalakkumulation aufrechterhalten und sogar vergrössert: Wenn aus einer Produktion ein Mehrwert entsteht, kann dieser wiederum genutzt werden, um zu investieren – und somit das Kapital zu erhöhen. Der Ökonom Thomas Piketty zeigte auf, dass Vermögen schneller als die Wirtschaftsleistung eines Landes wächst: Die Vermögenden leben demnach auf Kosten der Arbeitenden, ohne etwas gesellschaftlich Wertvolles zu kreieren13https://jbi.or.at/pikettys-thesen-4-vermoegen-wachsen-schneller-als-wirtschaftsleistung/ [14.06.2020].. Anstatt die Schere zu schliessen, führt dies demnach unweigerlich zu einer Verstärkung der vorherrschenden ungleichen Verhältnisse. 

Unser System ist nicht nur ungleich, es ist auch undemokratisch. Denn mit dem Kapital konzentriert sich nicht nur die ökonomische, sondern auch die politische und gesellschaftliche Macht. Auch in der Schweiz, die als Musterland der Demokratie gilt, ist der Einfluss der Finanzwirtschaft, der grossen Konzerne und Wirtschaftsverbände unübersehbar. Milliarden in die Flugzeugindustrie zu investieren, aber die Löhne der Pflegefachkräfte um keinen Rappen zu erhöhen: Das ist eine Entscheidung, die von wenigen Menschen unter dem Einfluss einer starken Lobby getroffen wurde. Obwohl wir alle mit unserer Arbeit – ob bezahlt oder unbezahlt – zu den Gewinnen beitragen, hat der grosse Teil der Bevölkerung bei wirtschaftlichen Entscheidungen kaum etwas zu sagen. 

Die Ökonom*innen Carmen Reinhart und Kenneth Rogoff haben in ihrer Studie „Diesmal ist alles anders – Acht Jahrhunderte Finanzkrisen“ aufgezeigt, dass die vermeintliche Stabilität des Wirtschaftssystems nur eine Illusion ist. In den vergangenen beiden Jahrhunderten steckte permanent mindestens ein Land in einer Finanzkrise14 https://www.nber.org/papers/w13882.pdf [17.06.2020].. Das Wirtschaftssystem ist demnach nicht krisenresistent – im Gegenteil: Das periodische Auftreten von Finanzkrisen ist klar ein Teil des Kapitalismus.

Wenn wir also von Krisen und Ungleichheiten reden, müssen wir auch vom Kapitalismus sprechen. Wir lehnen dieses Wirtschaftssystem ab, weil es zur Klimakrise und zu immer wiederkehrenden Wirtschaftskrisen führt. Weil es auf Ungleichheiten basiert und auf Kosten von Mensch und Natur wächst. Ein paar Solarpanels und Windturbinen reichen deshalb nicht aus – wir brauchen eine neue Art und Weise, wie wir die Wirtschaft gestalten. 

Wie soll unsere Wirtschaft aufgebaut sein? Wer soll ihr dienen – und wem soll sie dienen? Diese Fragen dürfen wir nicht einigen wenigen überlasse. Im Gegenteil: Wir müssen sie gemeinsam angehen. Dazu gilt es die Kämpfe für Gerechtigkeit zu vereinen. Wir müssen die vorherrschenden Machtstrukturen abbauen und demokratisieren, um eine Wirtschaft von und für die Gesellschaft zu schaffen. Damit streben wir eine Wirtschaft an, die weniger krisenanfällig ist – weil sie nicht auf Ausbeutung, sondern auf Zusammenarbeit und Solidarität basiert, und sie die Bedürfnisse von Mensch und Natur in den Vordergrund stellt.

– Klimastreik Zürich und Winterthur


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